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- Antworten auf die Fragen eines Interessierten
- 1.) Warst Du schon immer ein Quäker?
Mitglied der religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker)bin ich 1967durch Aufnahme in die Genfer Quäkergruppe(Schweiz). Damals war ich
23 Jahre alt und 5 Jahre schon nicht mehr Angehöriger der Evangelisch reformierten Kirche, in der ich, von einer Hugenottischen Familie stammend, in der französischen Schweiz aufgewachsen bin. Ich war aus
der Kirchgemeinde, in der ich mich als Kind und Jugendlicher sehr wohl gefühlt und bis zum Hilfsmonitor der Sonntagsschule engagiert hatte, aus dem Grund ausgetreten, dass ich mich intensiv mit philosophischen
Schriften, vor allem der damaligen Existentialisten um Jean-Paul-Sartre, beschäftigt hatte. Daraufhin konnte ich nicht mehr in der von der Kirchenlehre propagierten Weise an einen theistischen Gott ex Natura
glauben.
- 2.) Warum hast Du Dich für das Quäkertum entschieden?
- Meine erste Begegnung mit dem Quäkertum erlebte ich als “erklärter Atheist” aber dennoch Entwicklungshilfefreiwilliger in
einem Christlichen Zivilen Friedensdienst in Marokko. Zur Gruppe stieß eine Krankenschwester aus Deutschland, die bei einem mehrjährigen Aufenthalt in Paris das dortige Quäkerzentrum regelmäßig besuchte und, da
sie selbst auch auf der Suche nach einer echten Alternative zu den etablierten Kirchen und zu deren sehr weit vom Geist Jesu “abgefallenen” Lehren und Praktiken, bei den Quäkern das Gefühl hatte, das gefunden zu
haben, was sie suchte. Anhand ihrer begeisterten Erzählungen reifte bei mir die Vorstellung, dass ich in dieser Gemeinschaft wieder etwas mit “dem Göttlichen” zu tun haben könnte. Bald nach unserer Heirat, ein
Jahr später, wurden wir beide Mitglied. Bei meiner ersten stillen Andacht in Genf wusste ich: ich bin Quäker.
Die Gründe für mein Entschluss, Mitglied zu werden, waren Folgende:
- Die stille Andacht als der einzige “Gottesdienstort”, an dem es für mich möglich ist, zu üben, mir “kein Bild von Gott” zu
machen, und an dem ich erlebe, dass jeder von Gott zum sprechen inspiriert wird, wenn “er” will.
- Der erklärte und miteinander geübte Wille aller Freunde zur aufrichtigen “Nachfolge Jesu” bzw. zur gemeinsamen Suche nach
der Wahrheit des Lebens.
- Die Art der Freunde, nur Beschlüsse zu fassen, wenn diese einmütig zustande kommen.
- Die Offenheit dafür, dass der Geist weht wohin er will und, dass jeder Freund auf die ihm eigentümliche Weise seinen
Glauben zum Ausdruck bringt und der regelmäßige Austausch über die unterschiedlichsten Glaubenserfahrungen als Bereicherung und Herausforderung an die eigenen Einstellungen, Haltungen und Verhaltensweisen.
3.) Worin unterscheiden sich ihrer Meinung nach die Quäker grundlegend von anderen Religionen?
- Hauptsächlich sehe ich die Bereitschaft, das Gebot ernst zu nehmen: “Du wirst
Dir kein Bild von Gott machen”. Hier scheint mir das in den meisten französischen Bibelversionen verwendete Prädikat sinnhaftiger als das deutsche “solltest” da es auf den Prozess weist, am Ende dessen oder während dessen, der Gläubige dabei ist, zu verstehen, dass mit dem Folgen der Gebote viel mehr als die Erfüllung einer Vorschrift gemeint ist. Das Gebot weist auf ein Erleben, dass zu einem kommt, es ergreift sich einem. Das ist vielmehr eine Gnade als eine Leistung. Die einzige Leistungsmöglichkeit ist eine Art Üben, sich für das absolute Verständnis dessen, zu öffnen, was Jesus gewusst hat.
- Das findet in den Kirchen zwar immer mehr, von unter her statt, aber die Macht der dem Dogma verpflichteten, die Lehre
verwalteten Hierarchen verhindert das eigentlich derart, dass es zu schwer fällt, zu glauben, der Geist könne noch diese Ebene “ aufmischen”, zumal die existenzielle Abhängigkeit derer, die noch gut von ihrem
“Dogmen-und Lehrendienst” leben, viel zu groß ist, als dass ein wirklicher “Ruck” durch deren Mitte statt finden könne.
4.) Könnte man da Quäkertum als ein "Anarchie" unter den Religionen
bezeichnen?
- Auf den ersten, oberflächlichen Blick, vielleicht. Aber Anarchie setze ich mit Beliebigkeit und Unverbindlichkeit, ja
vielleicht Unbezogenheit gleich. Die Quäker dulden die Vielfalt, ja sie sehen sie als Gegebenheit des “Weltlichen”. Sie erkennen, dass diese Vielfalt der weltlichen Erscheinungen als “Bindeglied” die
freie(freiwillige) Besinnung auf das der Vielfalt innewohnende “All-gemeine”, “All-eine”, also das Leben braucht. Da oft der “Sinn der Lebens” oder, sagen wir der “Sinn Gottes” nicht immer erfahrbar ist, wissen
die Quäker, dass ihr Denken und ihr Tun nur solange gültig sein kann, wie sie sich eines Besseren durch das Leben, durch die Gnade, durch das Hereinbrechen der Wahrheit (da wo man sagt: “ich weiß es jetzt, das
ist es”) “belehren” lassen. D.h. in unseren Versammlungen erstreben wir, vom “Sinn Gottes” erfasst zu werden, dennoch sagen wir, wenn wir einen Beschluss fassen, dem keiner der Freunde widerspricht, dass dieser
das “Sense of the Meeting” ist. Dies, weil es anmaßend wäre, zu behaupten, dieser sei “Sense of God” oder “Sense of Life”. Also solange die “Ordnung des Lebens” vom Menschen nicht erfüllt, weil sie von ihm nicht
“be-griffen” werden kann kommen die Quäker zusammen, um eine Ordnung zu schaffen, die Ihnen am nächsten der zu kommen scheint, die unter den Anwesenden als möglichen “Vor-griff” auf die wahre “Ordnung des
Lebens” lebbar erscheint. Ein Versuch der weltlich politischen Umsetzung des Quäkertums ist Pensylvania, die von William Penn (einer der ersten Quäker um Georges Fox) gegründete Republik, die es alleine
geschafft hatte ein friedliches Miteinander mit den Ureinwohnern zu gestalten, dies leider nur solange mehrheitlich Quäker die Geschicke der Provinz leiteten.
Übrigens, die einmütige Beschlussfassungsweise
der Quäker ist nur im weltlichen Sinne demokratisch, und wenn dann ohnehin die für mich einzige demokratisch zu nennende Form der Beschlussfassung. Denn, was wir uns zu üben auferlegen, ist erschöpft sich nicht
darin, einen Kompromiss zwischen einzelnen manchmal sogar diametral auseinaderstrebenden Meinungen zu finden und einen Konsensfähigen Beschluss herbeizuführen. Sondern oberstes Gebot ist, nach dem wirklich zu
streben, was die Wahrheit des Lebens ist. D.h. wir versuchen uns dessen bewusst zu bleiben, dass wir wahrscheinlich meist nur eine von uns selbst ausgehende, für wahr gehaltene Vorstellung der Wahrheit
wahr-nehmen,
und dass wir uns gegenseitig von der größeren nähe “unserer” Wahrheit zur absoluten Wahrheit gegenseitig zu überzeugen versuchen. So sind wir uns (hoffentlich) dessen bewusst, dass wir immer noch vor der Wahrheit stehen, oder hinter ihr hergehen, statt wirklich in IHR zu sein. Wenn “Gottes Herrschaft”, so wie sie Jesus lebte und von der er zeugte, lebensphänomenologisch gedeutet, der Selbstvollzug, die Selbstoffenbarung des absoluten Lebens im weltlichen Leben ist, dann muss die Religion wieder zu dem Ort werden, an dem es vornehmlich darum geht, sich gemeinsam auf diesen unseren “Ursprung” zu beziehen. D.h. die Religionen in ihrer jetzigen Verfassungen (oder Verfasstheiten) leiden gleichzeitig an ihrer Verweltlichung (Preis für die Entwicklung zur Volkskirche) und an der Verabsolutierung der Symbole und Rituale. D.h. um es etwas prosaischer auszudrücken, sie dienen mehr den Götzebilder als dem wahren “Gott”.
5.) Besteht für eine Religion ohne Dogmen nicht die Gefahr, dass sie
sich anlässlich von Gegebenheiten in eine andere Richtung orientiert oder sich vielleicht sogar in Verstreutheit auflösen könnte?
- Ja....Da stellt sich mir plötzlich die Frage ob die Quäker wirklich eine Religion sind. Wahrscheinlich nicht. Die Quäker
sind m.E. wie der Name es schon sagt nicht einmal eine Kirche obwohl sie von den Kirchen des Weltkirchenrates als solche anerkannt und geachtet werden. Wir sind daher auch dazu eingeladen worden, Mitglied der
Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen zu werden. Wir haben aber lediglich einen Beobachterstatus akzeptiert, weil die Ökumene eigentlich nicht unser Thema ist. Ökumene ist ein Problem der Bekenntniskirchen,
die versuchen ihre dogmatischen Differenzen unter einen Hut zu bringen. Das ist aber ein hehres Ziel, da das Oberziel sein müsste, sich schlicht und einfach zum all-einen Gott zu bekennen und bereit zu sein,
jede Form des Gottesdienstes als einen ohnehin vorläufigen, weil weltlich verfassten und das Absolute ständig verfehlenden Weg anzuerkennen. Keine sonst wie legitimierte Autorität darf sich die Macht anmaßen,
dem einzelnen Menschen zu verordnen, wie er Gott zu erfahren habe. Natürlich ist es auch die Verantwortung des Einzelnen, wenn er bereit ist, einer Gemeinschaft anzugehören, die von ihm umfassende geistige
Unterwerfung fordert. Jesus hat sie nie gefordert (ich jedenfalls gehe von dieser Annahme aus). Was er gefordert hat, ist die Entscheidung für den “Weg der Wahrheit”, die Entscheidung für die Hingabe an das
LEBEN, aber auch nur insofern der Angesprochene wirklich so glaubt, wie der gute Samariter z.B.
- 6.) Wie sieht die Zukunft der Quäker aus?
Ich sehe hier nur die Möglichkeit, zwei Antworten zu geben.
- Für die Einstellung und die Haltung der Quäker, für das Quäkertum als Übungsfeld für eine freie Weise der Nachfolge Jesu
sehe ich nach wie vor Bedarf und Potenzial, bzw. Chancen, dass es, wenn auch nur wenige Menschen irgendwo gibt, die sich dem Namen und der Tradition verpflichtet fühlen mögen. Dessen ungeachtet gibt es ja in
Nord-und Südamerika und auch in Afrika noch viele und sogar eher der Mitgliederzahl nach wachsende Quäkergemeinschaften, die von einer programmierten reformierten Kirche kaum zu unterscheiden sind. Die werden
sich sicher länger halten als die der Ursprungstradition verpflichtenden Freunde.
- Es kann also durchaus sein, dass die Quäker als weltlich verfasste Gemeinschaft, zumindest im kontinentalen Europa im
Aussterben begriffen sind, weil die weltlichen (sozialpsychischen) Faktoren, die eine Gemeinschaft anziehend auf Interessierte wirken lässt, zu schwach sind.
- So weist die deutsche Jahresversammlung nur noch ca. 270 Mitglieder. Viele Freunde leben fern von Zentren, in der sich
meist nur kleine versprengte Gruppen zur Andacht treffen. Der Altersdurchschnitt steigt. In Berlin gibt es die einzige Gruppe in Deutschland, die eine Andacht jeden Sonntag abhält.
- Angesichts dieser Umstände, werden nur Menschen Quäker, die der Überzeugung sind, dass die Stille Andacht für sie
die einzig “Gottgemäße” Gottesdienstform ist und es für sich, also für ihre persönliche Entwicklung oder für ihre emotionale und psycho-soziale Befindlichkeit nicht brauchen, dass die Quäker “attraktiv” wirken.
- Ich selber bin davon überzeugt, dass es für das Kommen des “Göttlichen” in die Welt nicht eigentlich auf eine bestimmte
Verfasstheit der “Gottesdienstorte” ankommt, sondern nur darauf, dass es “Gottesdienst” als Lebensweg des Einzelnen und von Gemeinschaften überhaupt gibt. Ob geschwiegen, gesprochen, gesungen, getanzt,
musiziert, meditiert oder sonst wie die Nähe Gottes aufgesucht wird, es wird einzig und allein auf die aufrichtige Hingabe an das Üben einer Art Besinnung auf “Gott” ankommen, und, ja natürlich, auf die Früchte
die dieses Üben tragen wird..
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